Das Interview mit der Netzredaktion

Netzredaktion OV Buxtehude: Welches Thema würdest du als allererstes angehen, wenn du in den Landtag gewählt würdest? Welches Thema hat für dich die oberste Priorität?

Britta Sanders: Für mich steht das Thema des Klimawandels an oberster Stelle. Der Klimawandel beeinflußt alle Bereiche des Lebens auf unserem Planeten und es wird darum gehen, zielstrebig, konsequent und vor allem gemeinsam, Klimaneutralität in den Städten und auf dem Land zu erreichen.

Foto: Windrad (Britta Sanders)
Der Klimawandel beeinflußt alle Bereiche des Lebens auf unserem Planeten

Dazu braucht es in erster Linie ein Bewusstsein für die Gefahr, ausgehend vom Klimawandel, in der gesamten Bevölkerung und den Willen, ihm in angemessener Weise zu begegnen.

Netzredaktion OV Buxtehude: Welche weiteren Themen stehen bei dir im Fokus? Was möchtest du angehen?

Britta Sanders: Zu den Folgen des Klimawandels sind zusätzlich die Ausmaße der Elbvertiefung in der Elbe sichtbar und messbar geworden. Ich mache es mir zur Aufgabe, den Ökozid an der Elbe und ihren Nebenflüssen zu stoppen. Ausserdem muss es einen intensiven Dialog mit dem Hamburger Senat und der Regierung in Schleswig Holstein auf Augenhöhe geben. Der Senat in Hamburg erscheint gegenüber den Stimmen aus den benachbarten Landkreisen, Kommunen und Umweltverbänden wenig empfänglich. Wir brauchen eine andere Hafenpolitik, die die Belange der Anrainer und vor allem der Elbe als Lebensfluss berücksichtigt. Und selbstverständlich gilt es auch die Weser und die Ems in den Fokus zu rücken und die Dialoge aufzunehmen. Aus den Gesprächen müssen konkrete Maßnahmen resultieren. Zu allererst muss die Kreislaufbaggerrei beendet werden und eine schnelle Besetzung aller nötigen Planungsstellen für eine Deicherhöhung entlang der Elbe geschehen.

Das Land Niedersachsen muss schnell und verbindlich die 2% Landfläche für die Windkraft ausweisen, damit die Investitionen losgehen können. Zur Zeit sind nur rund 1,3% einigermaßen verbindlich ausgewiesen. Schleswig Holstein hat die Hausaufgabe als einziges Bundesland bereits gemacht. (Quelle.Süddeutsche Zeitung, 21.1.22)

Wir brauchen schnellstmöglich ein Landesprogramm zum Ausbau des ÖPNV. Die Kreise als eigentliche Träger werden diese Aufgabe nicht alleine stemmen können. Dazu fehlen ihnen die finanziellen Ressourcen.

Der Bereich Gesundheit ist ein weiterer Themenschwerpunkt. Ich möchte daran arbeiten, eine gute und qualitativ hochwertig Gesundheitsversorgung in der Stadt, aber auch besonders auf dem Land sicherzustellen. Dazu gehören neben den kommunal betriebenen Krankenhäusern, Alten- und Pflegeheimen, die Haus- und Facharztpraxen und auch ein ausreichendes therapeutisches Angebot.

Foto: Dennis Williamson
Foto: Dennis Williamson

Auch ein vermehrter Einsatz von „Dorfschwestern“ ist denkbar, um Wege zum Arzt für Routineuntersuchungen wie Blutabnahmen und EKGs-Schreiben zu reduzieren. Die Errichtung von regionalen Gesundheitszentren ist zusätzlich eine Option. Bei drohendem Verlust von Hausarztpraxen, weil die Kollegen*innen in Rente gehen, müssen wir gerade die Attraktivität der ländlich gelegenen Hausarztpraxen steigern.

Alle Mitarbeiter der Gesundheitseinrichtungen, Ärzte*innen, Pflegende, der Transportdienst, Gärtner*innen, die Mitarbeiter*innen in der Küche, alle müssen angemessen nach Tarif bezahlt werden und die Wertschätzung erfahren, die sie verdienen. Dazu gehören verbindliche familienfreundliche Dienstpläne, Perspektiven in der Fort- und Weiterbildung und neue Arbeitszeitmodelle, die auch Eltern mit kleinen Kindern und zu pflegende Angehörige berücksichtigen. Die Work- Lifetime- Balance war nie so aktuell wie heutzutage. Die Gesundheits-Unternehmen suchen die Mitarbeiter, nicht umgekehrt. Der Bereich der Pflege zum Beispiel muss dringlich an der Attraktivität und der gesellschaftlichen Anerkennung über das Klatschen auf den Balkonen hinaus gewinnen. Nur dann können wir Menschen pro-aktiv für diesen beruflichen Zweig gewinnen.

Britta Sanders: was man liebt, will man wahren und beschützen

Netzredaktion OV Buxtehude: Warum hast du dich als Landtagskandidatin für den Wahlkreis 55 aufstellen lassen? Was ist deine Motivation zu kandidieren?

Britta Sanders: Ich brenne für die Marsch und die Geest. Seit 17 Jahren lebe ich im Alten Land und damals war es Liebe auf den ersten Blick, als ich das erste Mal im Mai 2005 in Jork zu Besuch war. Vier Wochen später zogen wir hierher. Und das was man liebt, will man wahren und beschützen. Seither habe ich aber schleichende Veränderungen wahrgenommen.

Welche Veränderungen meine ich? Den Klimawandel als solches, die dürren, heißen Sommer, die Versalzung der Flussgewässer und Brackwasserzonen, durch die Existenzen im Obstanbau gefährdet sind, weil das Wasser für die Beregnung im Winter und Sommer fehlt. Aale und Eschen schaffen den Weg in die Este nicht mehr, weil diese so verschlickt ist. Das gilt auch für die sich verändernde Gesellschaft, dessen Schere zwischen reich und arm immer weiter auseinander klafft und das Gesundheitssystem, was dringlich überarbeitet werden muss. Ich bin ja selbst seit 23 Jahren examinierte Krankenschwester und verfüge über sehr viel Berufserfahrung. Ich habe einfach: „ Bock auf besser“. Oder um es mit den Worten meiner Tochter zu sagen: „Anders mit Sanders“.

Netzredaktion OV Buxtehude: Was macht dich sicher, dass du die Richtige bist, den Wahlkreis 55 zu vertreten?

Britta Sanders: Ich bringe Vielfältigkeit mit: zum einen den thematischen Schwerpunkt in der Umweltfürsorge und zum anderen gesundheitspolitische und soziale Themen aufgrund meines beruflichen Werdeganges. Mein LebensMittelpunkt findet sich in diesem Wahlbereich: ich lebe hier, ich kaufe regional ein. Meine Kinder gehen in Buxtehude zur Schule, unsere Hundeschule befindet sich in Jork. Meine Autowerkstatt ist nur wenige Gehminuten von meinem Haus entfernt. Meine Fahrradwerkstatt und ich sind per du. Ich bin hier verwurzelt.

Netzredaktion OV Buxtehude: Auf welche Weise kannst du deine berufliche Qualifikation im Landtag einbringen?

Britta Sanders: Seit 23 Jahren bin ich in der sprechenden Medizin, in der Psychosomatik, im stationären und teilstationären Bereich tätig. Ich habe als Stations- und Abteilungsleitung im Asklepios Westklinikum gearbeitet. Daher bin ich mit den unterschiedlichen Positionen innerhalb eines großen Unternehmens vertraut. Ich kenne den Moment, Sonntagmorgens um 06.03 Uhr allein auf einer interdisziplinären somatischen Station im Dienst darauf angewiesen zu sein, dass mir der Rufbereitschaftsdienst Unterstützung schickt. Ich kenne aber die Situation auch genau auf der anderen Seite, wenn um Unterstützung gebeten wird, weil z.Bsp. Kollegen*innen krankheitsbedingt ausfallen.

In der psychoanalytischen Arbeit auf einer psychosomatischen Station als Krankenschwester geht es immer darum, in die Beziehung und in den Dialog mit dem Gegenüber zu gehen und eine andere Beziehungsgestaltung im Kontakt erfahrbar zu machen. Meine Erfahrung ist, dass es oft um das geht, was nicht bewußt ausgesprochen wird. Als Krankenschwester hinterfrage ich mich immer wieder selbst, ob das was ich tue, noch zielführend ist. Oder ob ich mich verirrt habe. Ich möchte den Menschen zuhören, ihre Bedürfnisse erfahren und diese mit dem nötigen Durchsetzungsvermögen, aber auch Fingerspitzengefühl, vertreten. Das kann ich richtig gut.

Netzredaktion OV Buxtehude: Eines deiner Themen ist die Elbe und der Hamburger Hafen. Was möchtest du diesbezüglich erreichen? Was sind hierfür deine Ziele?

Hochwasser - Elbe (Foto: Britta Sanders)
Hochwasser – Elbe (Foto: Britta Sanders)

Britta Sanders: Ich denke, es geht immer darum, Dinge im Kontext zu sehen. Wer kennt den Satz nicht? „Ich meinte es doch nur gut.“ Das was für den einen gut ist, kann genau das Gegenteil für andere bewirken. Die Elbe ist nachweislich geschädigt. Anrainer sind durch die höher auflaufenden Tiden in Gefahr. Ich will gemeinsam mit Hamburg einen angemessenen Blick für das Umland finden und setze mich für eine andere Hafenpolitik ein, die die Kreise drumherum und die Umwelt und ihre Anliegen berücksichtigt.

Netzredaktion OV Buxtehude: Die Klimakrise ist immer noch eines der wichtigsten Themen. Welche konkreten Maßnahmen willst du umsetzen, um die Klimakrise zu stoppen? Und wie willst du sie umsetzen?

Britta Sanders: Die Klimakrise ist für die gesamte Welt das wichtigste und komplexeste Thema. In diesem Wahlbereich setze ich mich dafür ein, dass Bedingungen geschaffen werden, damit die 1,5 Grad Ziele erreicht werden. Dazu braucht es neben dem Bewusstsein der Menschen durch viel Informationsarbeit auch ihren freien Willen. Für die Informationsarbeit stehe ich gern samstags in der Fußgängerzone oder laufe von Haustür zu Haustür. Ich will auf Landesebene die Moore schützen, reine Stein- und Kieselsteingärten, sowie die Masse an Versiegelungen verhindern, die finanziellen Mittel bereithalten, um echten sozialen und nachhaltigen Wohnungsbau zu ermöglichen. Im Gewerbe und in der Industrie muss es noch deutlicher um Nachhaltigkeit gehen: den ÖPNV auszubauen und für jeden erschwinglich machen. Nur wenn wir eine soziale Gerechtigkeit schaffen, können wir der Klimakrise angemessen begegnen.

Netzredaktion OV Buxtehude: Durch die Corona-Pandemie sind immer mehr Menschen, sowohl jung als auch alt, von Einsamkeit betroffen. Wie kann deiner Meinung nach diesen Menschen aus der Einsamkeit heraus geholfen werden, ohne alle Corona-Einschränkungen aufzuheben?

Britta Sanders: Corona hat die Entwicklung der Gesellschaft der letzten Jahre sichtbar gemacht: die weite auseinander klaffende Schere der soziale Gerechtigkeit, die Veränderung der Gesellschaft von mehreren Generationen unter einem Dach hin zu kleinen Einfamilienwohnungen. Ich will nicht sagen, früher war alles besser. Aber wir müssen in manchen Dingen das Rad nicht neu erfinden. Früher kaufte man regional und ich bin froh, dass ich vieles im Hofladen an der Ecke einkaufen kann. Da brauche ich weder den ÖPNV, noch mein Auto. Bei uns lebte noch die Oma mit im Haus. Bei meiner Freundin lebten sogar die Uroma und die Urenkel unter einem Dach. Weder die kleinsten noch die Senioren mussten einsam sein.

Foto: Dennis Williamson

Nehmen wir uns ein Beispiel daran und ermöglichen denen, die es wollen, soziale, bezahlbare und barrierefreie Generations-Wohnmodelle , von denen Jung und Alt profitieren können. Auch die Alten wollen Teilhabe am sozialen und digitalen Leben nehmen. Im Rahmen des demographischen Wandels ist es längst Zeit, sich mit bereits bestehenden Veränderungen zu beschäftigen, zum Beispiel mit der häuslichen Pflege.

Die häusliche Pflege braucht eine breite finanzielle und gesellschaftliche Unterstützung. Der Ausbau des Digitalen Netzes hilft Grenzen zu überwinden. Die digitale Kommunikation ersetzt keine Umarmung und keine reale Nähe oder unterrichtende Lehrer*innen, aber die Digitalisierung bringt uns auf andere Weise zusammen. Unter Corona sind viele Menschen im Homeoffice dekompensiert, die Studenten*innen und Berufsanfänger*innen, die alleine in ihren ersten kleinen Einzimmerwohnungen arbeiteten. Das Tragen von Mundnasenschutzmasken von Erzieher*innen in der Kita ist entwicklungspsychologisch für die Kinder mehr als bedenklich. Hier fehlt das Spiegeln für die weitere Entwicklung der Kleinkinder. Menschen sind – egal welchen Alters – Beziehungswesen und brauchen einander. Deshalb sage ich ganz deutlich: ein Ausbau des Digitalen Netzes, weiteres Impfen, schrittweise und langsame angemessene Lockerungen und das Testen, kann uns in dieser Zeit helfen. Langfristig müssen wir über unser Gesellschaftliches Zusammenleben nachdenken und nach erweiterten Möglichkeiten suchen.

Netzredaktion OV Buxtehude: Mit welchen Maßnahmen schaffen wir es die Corona-Pandemie zu überwinden oder sie zumindest auf einem so niedrigen Level zu halten, dass die Krankenhäuser nicht überlastet werden und nicht mehr täglich hunderte an Corona sterben müssen?

Britta Sanders: Sag Du mir, wie sich die Pandemie entwickelt, dann nenne ich dir den richtigen Weg. Die Corona Pandemie bringt eine enorme Komplexität mit. Da gibt es die Wissenschaft, die immer neue Erkenntnisse hervorbringt und gleichzeitig auch nur auf das aktuelle Geschehen reagieren kann. Der Schutz der Menschen, insbesondere der Schutz der Kinder und der älteren Generation, steht hierbei im Vordergrund. Die (Intensiv-) Medizin, die gesamte Versorgung und die kritische Infrastruktur müssen auf einem stabilen Niveau gehalten werden stehen. Dann gibt es Interessenbereiche, wie die Gastronomie, die Kultur, die Schulen und Kitas, die gleichermaßen gesehen werden müssen. Das Impfen, das Testen und der achtsame Umgang miteinander wird uns (hoffentlich) bald aus der Pandemie führen.